Samstag, 17. November 2012

Reharmonisierung


Hallo, ich hoffe es geht dir gut und du hast fleißig geübt.
Beim letzten Mal habe ich die beiden noch fehlenden Akkordtypen besprochen. Die funktionalen Akkorde sind damit abgeschlossen und im Prinzip kannst du damit nun jeden Jazz-Standard begleiten.

Wenn du dir ein typisches Jazz-Leadsheet anschaust, sind in den meisten Fällen die Akkordsymbole in einfachster Form notiert, also in der Regel die reinen Funktionsakkorde. Hier siehst du das Leadsheet des Titels „Alice in Wonderland“, einem Jazz-Watlz, so wie es in ähnlicher Form im Realbook steht:

Es ist natürlich klar, dass die Jazzpianisten im Laufe der Zeit diese Akkorde mühelos beherrscht und dann nach Möglichkeiten gesucht haben, die Klänge interessanter zu gestalten.
Hierzu hast du ja auch schon einige Möglichkeiten kennengelernt wie z.B.:
  • Aufteilung der Akkorde auf zwei Hände
  • Drop Two-Voicings
  • Optionstöne und ihren verschiedenen Alterierungen bei den Dominantsept-Akkorden

Alle diese bisher verwendeten Akkorde oder Voicings bestehen mehr oder weniger aus tonleitereigenen Tönen (von den Alterierungen mal abgesehen). Nun gibt es noch weitere Möglichkeiten, bei denen Töne verwendet werden, die nichts mehr (oder zumindest nicht sofort ersichtlich) mit dem ursprünglichen, tonalen Klangraum zu tun haben, aber trotzdem in den musikalischen Kontext passen. Sie übernehmen die Funktion der ursprünglichen Akkorde, klingen aber z.T. viel interessanter und spannungsreicher.

Wenn solche Stilmittel angewendet werden, spricht man von Reharmonisierung. Wie weit man bei einem Stück mit Reharmonisierungen geht, hängt sowohl vom Geschmack des Musikers als auch vom Wissen um die harmonischen Möglichkeiten und vom spielerischen Können auf dem Instrument ab. Es gibt Stücke, bei denen das ursprüngliche Harmoniegerüst nahezu vollständig verlassen wird und trotzdem - oder gerade deshalb - klingt es ausgezeichnet.

Erlaubt ist, was gefällt. Du musst für dich selbst entscheiden, wie weit eine Reharmonisierung deinen Vorstellungen des Stückes entspricht. Ein Stück wird nicht automatisch besser, wenn es kompliziert reharmonisiert ist. Aber nach meiner Erfahrung verhält es sich so, dass der innere Drang, alles zu verkomplizieren, zunimmt, je länger man sich mit dem Thema „Jazz“ beschäftigt. Ich vermute darin einen natürlichen, evolutionären Prozess als Gegenpol zu der heutzutage produzierten, elektronischen Musik, bei der genau das Gegenteil passiert (bevor ich mich jetzt wieder über das elendige "Gewummere" aufrege, beende ich dieses Thema).

Ich möchte den Song „Alice in Wonderland“ nutzen, um dir einmal exemplarisch zu zeigen, wie du von den einfachen Funktionsakkorden schrittweise hin zu einer teilweise reharmonisierten Version des Stücks kommst. Hierbei kann ich natürlich nicht weiter gehen, als es mein beschränktes Wissen und Können zulassen. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, musst du dir einen guten Jazzer als Lehrer suchen.

Ich beginne heute mit der einfachsten Form, nämlich der Melodie, wieder von mir auf dem Tenorsaxofon gespielt, einer Bass- und Schlagzeugbegleitung sowie den Funktionstönen Terz und Septime auf dem Klavier. In den folgenden Blogeinträgen werde ich Schritt für Schritt komplexere Harmonien verwenden. Jede Version werde ich sowohl mit als auch ohne Klavierstimme unter der Rubrik „Playalongs“ einstellen. Die Pianostimme ist unter „Downloads“ auch nochmal als .pdf-Datei zu finden, wobei ich nur die Akkordtöne, nicht die gespielten Rhythmisierungen notiere. Die Version mit Piano kannst du dir hier auch direkt anhören. Hierbei spiele ich nur die rechte Hand. Die Basstöne in der linken Hand sind nur für den Fall einer Pianobegleitung ohne Rhythmusgruppe notiert. Die Voicings der rechten Hand können auch als Left-hand-Voicings verwendet werden damit man die rechte Hand für die Melodie oder zum Improvisieren frei hat.





Viel Spaß beim Üben !




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