Sonntag, 16. Dezember 2012

Improvisation


Hallo, ich hoffe es geht dir gut und du hattest genug Zeit zum Üben. 
Bisher habe ich mich ausschließlich mit Harmonien und „Akkordarbeit“ beschäftigt und mit diesem Wissen in Verbindung mit den praktischen Übungen solltest du in der Lage sein fast alle Jazz-Standards als Pianist in einer Combo zu begleiten. 

Diese Thematik möchte ich nun vorerst einmal verlassen. Natürlich gibt es dazu noch eine Menge mehr zu sagen bzw. zu schreiben - ich werde bei passender Gelegenheit immer mal wieder darauf zurückkommen. 

Heute möchte ich mich nun einem weiteren großen Thema im Jazz widmen, nämlich der Improvisation. Eine ganz allgemeine Definition des Begriffs Improvisation findet man z.B. in Wikipedia:
„Improvisation bedeutet, etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif dar- oder herzustellen. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Improvisation auch den spontanen praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung auftretender Probleme.“
Für den Bereich Musik gibt es ebenfalls eine passende Beschreibung:
„Als Improvisation wird die Form musikalischer Darbietung verstanden, in der das ausgeführte Tonmaterial in der Ausführung selbst entsteht und nicht vorher schriftlich fixiert worden ist.“
 Weitere Informationen findest du unter dem folgenden Link: 


Gehst du von der allgemeinen Definition aus, dann gäbe es in der Musik keine wirkliche Improvisation –jedenfalls keine, der man gerne zuhören würde. Ohne jede Vorbereitung würde das vermutlich in einem harmonischen oder melodischen Desaster enden. Also gilt in der Musik, dass vor einer Improvisation eine Vorbereitungsphase stattfindet, in der man sich mit dem passenden Tonmaterial für bestimmte harmonische Strukturen auseinandersetzt und lernt, damit umzugehen. Du kannst das mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichen. Ohne die Grundzüge der Grammatik und einem Fundus an Vokabeln kannst du keine Fremdsprache sprechen. In der Musik gibt es genau zwölf Fremdsprachen entsprechend den zwölf Tonarten. Der Vorteil ist, dass die Grammatik in allen zwölf Sprachen gleich ist und du „nur“ die Vokabeln lernen musst. Je mehr Vokabeln du kannst, desto komplexere Sätze kannst du bilden. Aber auch mit wenigen Vokabeln kann man sich manchmal schon gut verständigen wenn es für das was man sagen will die richtigen sind.
Hinzu kommen noch die Aussprache und der Sprachrhythmus. Bezogen auf dein Instrument meine ich damit die Artikulation, den Klang und das Timing. Die Töne können noch so richtig sein, die „Grammatik“ noch so geschliffen, wenn du eine schlechte „Aussprache“ und eine arhythmische Phrasierung hast, werden deine Zuhörer dich nicht verstehen oder dir nicht gerne zuhören.

Die Grammatik in der Musik ist die Harmonielehre. Damit hast du dich ja schon eingehend beschäftigt. Nun kommen die Vokabeln. Welche Töne passen zu welchen Akkorden und Voicings?  Deine Vokabeln sind die Töne, basierend auf Tonleitern und Skalen. Diese bilden die Basis für eine Improvisation und je sicherer du sie beherrschst, desto leichter fällt es dir, die richtigen Töne zu einer vorgegebenen harmonischen Struktur zu finden.

Wenn du anfängst, dich mit Improvisation zu beschäftigen, bist du natürlich beeindruckt wenn du irgendeinen „alten Jazzer“ hörst, der ein Wahnsinns-Solo abliefert und du denkst – so was kann ich nie. Wahrscheinlich hast du Recht, denn ein gutes und virtuoses Solo ist zu 10 % Inspiration und zu 90 % Transpiration. Das bedeutet, der „alte Jazzer“ lernt schon sehr, sehr lange seine Vokabeln und es wäre ja ungerecht, wenn du daherkommst und mit wenig bis gar keinem Aufwand genau das Gleiche spielen könntest. Aber auch der „alte Jazzer“ schöpft zu 90 % aus dem Fundus seiner gelernten und über Jahre antrainierten Tonleitern und Skalen. Und bei entsprechendem Engagement kannst du das genauso lernen.

Aber du möchtest natürlich nicht erst mit dem Improvisieren beginnen, nachdem du jahrelang in deinem Keller Tonleitern und Skalen geübt hast. Also brauchst du eine Methode, mit der du relativ schnell zum Erfolg kommst um mit anderen Musikern gemeinsam spielen und improvisieren zu können. 

Also – die wildesten Skalen in wahnsinnigen Tempi zu spielen wirst du am Anfang nicht hinbekommen. Es stellt sich ja auch grundsätzlich die Frage, was eine gute Improvisation ausmacht. Sind es virtuos gespielte, mechanisch eingeübte Tonleitern und Skalen? Natürlich erweitert jede erlernte Technik die Bandbreite der improvisatorischen Möglichkeiten und belegt das musikalische und handwerkliche Können eines Musikers. Natürlich würde ich das auch gerne können um bei Bedarf so richtig loszulegen. Aber muss das sein? Muss bei einer Improvisation der Geschwindigkeitsrekord wirklich gebrochen werden? Oder machst du, wie ich übrigens auch, die Not zur Tugend  und ersetzt die (momentan noch) fehlende Virtuosität durch Kreativität indem du z.B. eine schöne, neue Melodie zu den gegebenen Harmonien erfindest. Oder indem du interessante rhythmische Akzente setzt. Die Virtuosität kommt mit der Zeit, wenn du in deinen Übungseinheiten konsequent die Tonleitern und Skalen übst. Plötzlich wirst du diese, ohne es bewusst zu merken, in deine Improvisationen einbauen. Ganz wichtig ist, dass du deine Erwartungen am Anfang nicht zu hoch ansetzt. Bei einem Workshop mit Anke Helfrich hat sie uns als Beispiel einen Blues vorgespielt und für die Improvisation nur 5 Töne verwendet – mehr braucht man (sie) nicht, es klingt einfach perfekt. 

Ich bin selbst kein Virtuose, darum werde ich dir Tipps geben, wie du bereits am Anfang mit relativ einfachen Mitteln eine schöne (wobei hier der Begriff "schön" natürlich sehr subjektiv ist) Improvisation hinbekommst. Aber auch wenn es mit einfachen Mitteln schon schön klingt - es sollte dich natürlich nicht davon abhalten, immer wieder die Tonleitern und Skalen zu üben. Welche genau das sind und wie sie geübt werden können werde ich dann an entsprechender Stelle erklären.

So, das vorab zu dem Thema Improvisation. Ab meinem nächsten Blogeintrag geht es dann schon mit einfachen Übungen zu Playalongs los. 

Bis dahin – viel Spaß beim Üben !



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