Samstag, 22. Dezember 2012

Improvisation

Hallo, schön dass du wieder auf meinem Blog bist.

Heute möchte ich mit dem praktischen Teil des Themas „Improvisation“ beginnen. 
Für eine Improvisation gibt es keinen festen Plan – sonst wäre es ja keine Improvisation. 
Aber es gibt natürlich gewisse grundlegende Dinge, über die du dir vor Beginn eines Stückes mit einem Improvisationsteil Gedanken machen solltest. Dann gibt es natürlich auch einige Regeln, nach der eine Improvisation abläuft. Und zum Schluss gibt es natürlich auch noch ein paar Techniken, mit denen man an eine Improvisation herangeht.

Was solltest du beachten, bevor du mit einer Improvisation beginnst?
  • Was ist es für ein Stück? Wenn du z.B. über einen Blues improvisierst, wirst du andere Töne und andere Skalen verwenden als über eine Bossa oder einen Swing-Standard
  • Welchen Rhythmus hat das Stück? Spielst du über einen ternären Rhythmus (Swing), dann hast du eine komplett andere Phrasierung der Achtelnoten als bei einem binären Rhythmus (z.B. Bossa).
  • Wie viele Durchgänge (heißt das Chorusse?) willst du spielen? Die Anzahl der Durchgänge solltest du, zumindest am Anfang, mit deinen Mitmusikern festlegen. Bei mehreren Durchgängen versuche dein Solo dramaturgisch aufzubauen und gib nicht gleich Vollgas.
  • Hab den Mut zur Lücke. Auch Pausen gehören zur Musik. Du musst während deines Solos nicht ständig Töne produzieren. Strukturiere die einzelnen Teile des Solos und lass dem Zuhörer Zeit, das Gehörte zu verarbeiten.
  • Welche rhythmische Phrasierung wählst du?. Denk dir rhythmische Patterns aus und wiederhole das Pattern, ggf. über einen anderen Akkord.
  • Ganz wichtig ist, dass du „in time“ bist. Wenn dir bei dem Solo etwas nicht so gelingt, wie du es geplant hast, mach eine Pause und steige im übernächsten Takt wieder ein. Auf keinen Fall versuchen, die nicht gespielten Noten aufzuholen und schneller spielen, um den Groove wieder einzuholen. Ein falscher gespielter Ton erklingt und ist auch gleich wieder weg und nur wenige, wenn überhaupt, habe es gemerkt. Aber ein falsches Timing und ein schlechter Groove machen das ganze Stück kaputt.
  • Versuche nicht, es zu kompliziert zu machen.

Wie gut dir eine Improvisation gelingt, hängt letztendlich immer von deiner aktuellen physischen und psychischen Verfassung ab. Aber wenn du diese Regeln beachtest, dann hast du schon mehr als die Hälfte einer guten Improvisation geschafft. Jetzt brauchst du nur noch die richtigen Töne. Welche Töne im Jazz richtig sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Ob ein Ton als richtig oder falsch empfunden wird, hängt wesentlich von deinen Hörgewohnheiten als auch von denen deiner Zuhörer ab und ist oft eine Geschmacksfrage. 
Ich werde dir verschiedene Möglichkeiten zeigen, wie du Töne für deine Improvisation auswählen kannst. Wenn du danach spielst, klingt es vielleicht zuerst nicht gerade genial, aber es klingt zumindest nicht falsch. Alles weitere hängt dann von deinem Talent und deinem Übungseifer ab.

Vorab noch drei grundsätzliche Dinge:
  • Ich werde zu den Improvisationsübungen und zu meinen Soundbeispielen keine Noten aufschreiben. Natürlich werde ich dir die Töne nennen, die du zum Improvisieren verwenden kannst, aber ich werde keine Transkriptionen von meinen gespielten Soli machen. Erstens sind sie nicht so gut, dass man sie aufschreiben müsste und zweitens sollen sie dir nur als Beispiele dienen um das Prinzip zu verdeutlichen.
  • Achte beim Anhören der Beispiele darauf, ob du etwas von den oben genannten Regeln wiederfindest. Denk dir eigene Melodien und Phrasen aus und versuche nicht meine Töne exakt nachzuspielen. 
  • Ich werde die Beispielsoli auf dem Klavier spielen, aber grundsätzlich kannst du zu den Playalongs auf jedem beliebigen Instrument improvisieren. Hierzu gibt es zu jeder Übung drei Playalongs:
    1. Bass, Drums, Klavier mit Solo (zum Anhören)
    2. Bass, Drums, Klavierbegleitung ohne Solo (zum Mitspielen, nur rechte Hand oder anderes Instrument)
    3. Bass und Drums (zum beidhändigen Klavierspiel)

Als erstes Beispiel habe ich einen Blues ausgewählt. Wenn man mit dem Improvisieren beginnt, hat ein Blues mehrere Vorteile:
  • ein klassischer Blues hat eine relativ einfache harmonische Struktur
  • die Akkordwechsel sind meist zweitaktig, daher keine zu schnellen Changes
  • viele bekannte Stücke basieren auf dem Bluesschema. Somit ist dir die Struktur des Blues vermutlich geläufig.

So, nun aber zur Praxis. Den Blues, den ich gewählt habe, steht in F. Das Bluesschema mit den Akkordwechseln sieht folgendermaßen aus:


Das Besondere am Blues ist, dass alle Akkorde als Sept-Akkorde mit der kleinen Septime gespielt werden. Wie bei der kleinen Terz und der verminderten Quinte handelt es sich dabei um die sog. „blue notes“. Doch dazu mehr in einem der nächsten Kapitel..

Die Left-hand-Voicings in der dargestellten Form sind dir sicher aus den vorangegangenen Lektionen bekannt. 

Als erste Variante der Improvisation habe ich eine sehr einfache Möglichkeit gewählt. Bei der Auswahl des Tonmaterials handelt es sich genau um die fünf Töne, die in jeder der vorkommenden, mixolydischen Skalen enthalten sind. Hierbei gibt es allerdings noch eine gewisse Einschränkung:

Der Ton Bb ist zwar in allen Skalen enthalten, bildet aber mit dem Grundton der Tonika, also dem Ton F, eine reine Quarte. Die reine Quarte zum Grundton gilt im Jazz als sog. „avoid note“ (engl.: zu vermeidende Note) und sollte beim Improvisieren möglichst nicht verwendet werden, da sich in Verbindung mit dem Tonikaakkord ein dissonanter Klang ergibt. Probier‘ einfach selbst mal aus, ob und zu welchem Akkord dir der Ton gefällt.
Ich habe auf den Ton bei meiner Beispielimprovisation ganz verzichtet und verwende also nur die Töne

                                                     F - G - C - D
     



Zugegeben, die Tonauswahl ist nicht überwältigend, aber probiere trotzdem verschiedene eigene Varianten mit diesen vier Tönen aus. Variiere die Rhythmik, setzt Töne ganz bewusst auf bestimmte Zählzeiten, überlege dir sinnvolle Linien. Mach dir bewusst, welcher Ton zu welchem Akkord gut klingt. Je öfter du das übst, desto besser wird sich deine Improvisation anhören. Gerade in der Beschränkung auf ein Minimum schulst du dich und dein Gehör, mit den Tönen kreativ umzugehen.

Ich denke dabei immer an einen Spruch von Antoine de Saint-Exupery:
„Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“
Ich glaube, die Aussage lässt sich auch auf die Musik und speziell auf eine Improvisation übertragen. 

Vielleicht wirst du jetzt denken: „Das ist doch kein Blues, da fehlen ja alle „blue notes“. Du hast Recht. Diese erste Variante, die natürlich auch noch erweitert wird, würde ich eher beim Solieren über einen Jazz-Standard als bei einem richtigen Blues einsetzen. Um es richtig "bluesig" klingen zu lassen, gibt es noch andere Möglichkeiten. Nur Geduld, das kommt alles noch. Wichtig ist, dass du diese Übung sicher draufhast, wenn möglich in verschiedenen Tonarten.

Viel Spaß beim Üben !



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