Freitag, 28. Dezember 2012

Improvisation

Hallo! Ich freue mich, dass du wieder in meinem Blog vorbeischaust.

Wie hat es mit der Improvisationsübung vom letzten Mal geklappt? Ich hoffe, es war dir nicht zu langweilig, nur mit vier Tönen zu improvisieren. Aber es bringt wirklich was, auch wenn du das vielleicht nicht gleich merkst. Diese Methode zwingt dich zur Kreativität, statt nur Töne rauf und runter zu dudeln. Mache das immer mal wieder in verschiedenen Tonarten und versuche dann, die Spielweise auf ein erweitertes Tonspektrum zu übertragen. 
Vielleicht ist dir aufgefallen, dass ein Ton oft etwas „schräg“ geklungen hat, nämlich der Ton F. Warum ist das so? Obwohl der Ton Bb in jeder Tonleiter enthalten ist, hatte ich darauf verzichtet, weil er die reine Quarte der Tonika ist, und damit ein sog. „avoid tone“. Nun ist der Ton F die reine Quarte zu C, und jedes Mal, wenn der Akkord C7 gespielt wird, ist das F natürlich ebenfalls ein zu vermeidender Ton. Sicherlich hast du das gemerkt. Ich habe den Ton trotzdem dazu genommen, weil er nun mal der Grundton des Blues in F ist und man ihn außer zu dem Akkord C7 auch gut einsetzen kann. 
Nun wird eine Improvisation, bei der nur drei bzw. vier Töne gespielt werden natürlich schnell langweilig. Heute werde ich dir zeigen, welche Töne du noch verwenden kannst. Grundsätzlich gibt es vier Methoden, eine Improvisation aufzubauen:
  1. du richtest dich nach der Melodie und umspielst sie mit zusätzlichen Tönen
  2. du verwendest nur die Töne, die auch der jeweilige Akkord beinhaltet
  3. du verwendest vorgegebene „Patterns“ oder „Licks“
  4. du verwendest die Töne einer Tonleiter (Skala), die zu dem jeweiligen Akkord passt

Da unser Blues keine komponierte Melodie hat, bietet sich Methode 1 nicht an und ich stelle sie bis auf weiteres zurück.
Bei Methode 2 hast du vorgegebene Intervalle, was für einen einzelnen Chorus durchaus interessant klingen kann, aber nicht für ein komplettes Solo. Darauf werde ich ebenfalls zu gegebener Zeit zurückkommen.
Methode 3 ist ein endloses Thema. Es gibt Bücher voll von solchen speziellen, oft stiltypischen Tonfolgen, die entweder zu einem Akkord oder zu einer bestimmten Akkordfolge passen. Solche „Patterns“ oder „Licks“ hier aufzuschreiben macht keinen Sinn, da ich vermutlich sowieso nicht deinen Geschmack treffen würde. Am besten hörst du dir deine Lieblingsmusik an und wenn dir eine Stelle besonders gut gefällt, dann schreib dir die Töne auf und versuche sie nachzuspielen. 
Also werde ich mich der Methode 4 widmen. Methode 2 ist mehr oder weniger in Methode 4 enthalten, da in den Tonleitern auch die Akkordtöne vorkommen.

Übung 1- Dur-Pentatonik: 
Zuerst nehme ich als Basis die vier Töne vom letzten Mal, also F-G-C-D. Wenn du diese nun um den Ton A ergänzt, erhältst du die sog. F-Dur Pentatonik. Das Wort „Pentatonik“ (griech: penta=fünf) zeigt an, dass es sich dabei um eine Tonleiter aus fünf Tönen handelt. Für die Akkorde Bb-Dur und C-Dur bilden sich die pentatonischen Skalen analog aus den entsprechenden Tonleiterstufen:

Bei jedem Akkordwechsel wechselst du auf die entsprechende Skala, wobei du natürlich nicht immer mit dem Grundton beginnen musst. Probiere es einfach mal aus und versuche aus den entsprechenden Tönen kleine Melodielinien zu bilden, die sich gut anhören. 

Die Pentatonik ist in der Popmusik sehr verbreitet, so dass ich dieses Thema demnächst noch in einem eigenen, kurzen Kapitel behandeln werde.


Übung 2 – Moll-Pentatonik
So wie du über einen Dur-Akkord die Dur-Pentatonik spielen kannst, gibt es für Moll-Akkorde die Moll-Pentatonik. Die pentatonische Moll-Tonleiter besteht aus den Tönen der zugehörigen Dur-Tonleiter, beginnend mit dem Grundton der Moll-Tonleiter. Verwirrend?

In dem folgenden Bild wird dir der Zusammenhang schnell klar. F-Moll ist die parallele Molltonleiter von Ab-Dur, also verwendest du die Töne der Ab-Dur Pentatonik beginnend mit dem Ton F. (die Töne von Ab-Dur pentatonisch und F-Moll pentatonisch sind gleich, ob es nach Dur oder Moll klingt, bestimmt der Basston).

Auf die pentatonische Skala werde ich später noch im Zusammenhang mit einer anderen Akkordfolge eingehen. Aber gerade beim Blues gibt es für diese Skala eine tolle Anwendung. Obwohl in dem Blues alle Akkorde Dominantsept-Akkorde sind, also Dur-Charakter haben, kannst du die Moll-Pentatonik darüber spielen. Und zwar nicht die Pentatonik des jeweiligen Akkordes, sondern die Moll-Pentatonik des Tonika-Akkordes über alle drei Dominantsept-Akkorde. Warum geht das?
Der typische Blues-Sound wird geprägt durch die sog. „blue notes“. Das sind Töne, die eigentlich nicht zur Tonleiter gehören, aber dem Blues genau diese ihm eigene Klangfarbe verleihen. Bezogen auf die Dur-Tonleiter sind die „blue notes“ folgende Töne:
  • die kleine Terz (b3 - Mollterz)
  • die verminderte Quinte (b5)
  • die kleine Septime (b7)
Die kleine Tabelle zeigt am Beispiel der F-Moll-Pentatonik, welcher Zusammenhang zwischen den Akkorden und den Tönen der Moll-Pentatonik besteht. Die Töne sind mit der jeweiligen Tonstufe der entsprechenden Tonleiter benannt:


(*) das Ab nimmt in der C-Dur-Skala eine gewisse Sonderstellung ein. Du kannst den Ton als verminderte Tredezime (b13) ansehen, wobei du ihn nicht als Zielton (Schwerpunktton) einer Improvisationslinie wählen solltest. Als Durchgangston beim Blues ist er jedoch durchaus vertretbar. Das Gleiche gilt für die in Rot gekennzeichneten „avoid notes“.


Übung 3 – Bluestonleiter:
Wenn du dich für Blues interessierst, wirst du schnell merken, dass es eine festgelegte, einheitliche Bluesskala nicht gibt. In der Literatur findest du eine Reihe verschiedener Skalen, die alle als Bluesskalen bezeichnet werden. Das liegt einfach daran, dass verschiedene Musiker unterschiedliche Improvisationsstile geprägt und dafür auch unterschiedliche Töne verwendet haben. Bei der einfachsten Variante wird der Moll-Pentatonik noch die dritte „blue note“ hinzugefügt, also die verminderte Quinte (b5); ein zusätzlicher Ton für die Improvisation, der maßgeblich zum typischen Bluessound beiträgt:













Übung 4 – Bluestonleiter mit Durterz
Eine weitere Variante ist die Bluestonleiter mit zusätzlicher Durterz. Du hast hierdurch die Möglichkeit, die Klangfarbe beim Akkordwechsel von der I-Stufe auf die IV-Stufe zu verändern, indem du zuerst die Durterz und beim Akkordwechsel die Mollterz verwendest. Es ist eine zusätzliche Möglichkeit um deine Improvisation abwechslungsreicher zu gestalten. Probier‘ es einfach mal aus. Es gibt hierbei keinerlei festen Vorgaben, du bist völlig frei in der Auswahl deiner Töne. Folge einfach deinem persönlichen Geschmack, dann liegst du genau richtig.

In meinem Improvisationsbeispiel habe ich jeweils einen Chorus für jede Übung verwendet. Dabei war es mir wichtig, dass immer die Töne enthalten sind, die zu der entsprechenden Skala gehören und nicht, dass es ein super Solo wird. So hörst du beispielhaft mit jedem Durchgang die Klangcharakteristik der jeweiligen Skala. Auch bei den akkordischen Teilen der Improvisation habe ich nur die Töne verwendet, die in der jeweiligen Skala vorkommen. Probiere selbst zu dem Playalong jede Variante aus und entscheide, welche für dich die Beste ist. Du kannst alle Möglichkeiten miteinander mischen oder dir deine eigene „Improvisationsskala“ entwickeln. Erlaubt ist, was gefällt – that‘s Jazz. Mit zunehmender Improvisationspraxis wirst du dann automatisch immer mehr Töne dazu nehmen.




Einen Hinweis noch, bevor du loslegst: Benutze beim Improvisieren möglichst auch Vorschlagsnoten als Verzierung. Spiele deinen Ton nicht direkt an, sondern setzte eine kurze Note davor, die einen Halbton unter dem eigentlichen Ton liegt. Diese Vorschlagsnote darf nicht betont werden, sondern soll als kurzer „Wisch“ auf den Zielton hinführen. Bläser oder Gitarristen können diesen Effekt über ein kurzes „Bending“ des Tons durch Modulation des Ansatzes oder Ziehen der Saiten erreichen. Versuche, dieses „Bending“ auf dem Klavier nachzuahmen. Achte einfach in meinem Beispiel mal darauf, ich habe es an mehreren Stellen verwendet.

Übe auf jeden Fall alle oben besprochenen Skalen in allen Tonarten. Am besten zu einem Metronom in moderatem Tempo. Stelle hierzu das Metronom auf halbes Wunschtempo und lass es auf die Zählzeiten 2 und 4 schlagen, so wie ich es in meiner „Schenkelklopfer-Übung“ beschrieben habe.


Viel Spaß beim Üben !



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