Samstag, 26. Januar 2013

Improvisation


Mollskalen


Hallo, ich hoffe es geht dir gut. Schön, dass du mal wieder bei mir hereinschaust.

Na, wie klappt das mit der melodiebasierten Improvisation? Ist doch gar nicht so schwierig. Mit ein wenig Übung hast du bestimmt eine schöne Melodie hinbekommen. Du darfst am Anfang einfach nicht zu ungeduldig sein, dein Gehör und deine Finger müssen sich erst einmal an die neue Spielweise gewöhnen, dann läuft das bald wie von selbst.

Heute möchte ich noch einmal auf die skalenbasierte Improvisation eingehen und dein Tonmaterial noch etwas erweitern. Bisher hast du fast ausschließlich Töne der Durtonleitern verwendet, einmal abgesehen von der chromatischen Annäherung aus der letzten Übung und natürlich auch der Bluesskala. 
Solange du nur Akkorde verwendest, die auf den diatonischen Stufen der jeweiligen Durtonleiter gebildet werden, reichen die Töne der Tonika zum Improvisieren aus. Das gilt auch dann, wenn ein Stück in Moll steht. Du erinnerst dich bestimmt an das Kapitel mit den Stufenakkorden der „natürlichen Molltonleiter“. Nimmst du die parallele Molltonart zu C-Dur, also A-Moll, entstehen auf den einzelnen Stufen die gleichen Akkorde wie bei der Durtonleiter. Das bedeutet, du kommst auch bei einem Stück in A-Moll mit den Tönen von C-Dur gut zurecht. Im Prinzip musst du also nur die Durtonleitern in jeder Tonart beherrschen. 
Leider reicht das noch nicht ganz aus. Mit den diatonischen Stufenakkorden sind nicht alle gebräuchlichen Chords im Jazz abgedeckt. Was spielst du z.B. über einen alterierten oder über einen verminderten Akkord?


Hierzu schauen wir uns einmal die einzelnen Stufen der Molltonleitern an (statt dem Begriff „Tonleiterstufe“ findest du in der Literatur auch häufig den Begriff „Modus“).
Im folgenden Bild siehst du die Modi der natürlichen Molltonleiter A-Moll und der dazugehörigen Akkorde. Den Grundakkord erhältst du, indem du bei jeder Skala beginnend mit dem Grundton Terzen übereinander schichtest. Zusätzlich habe ich am Ende jeder Zeile ein Voicing aufgeschrieben, das zu der jeweiligen Skala passt. Wie schon gesagt ergeben sich bei der „natürlichen Molltonleiter“ exakt die gleichen Skalen und Akkorde wie bei der parallelen Durtonleiter.












Etwas anders verhält es sich bei „harmonisch Moll“. Für die einzelnen Modi der harmonischen Tonleiter gibt es meines Wissens keine offiziellen Bezeichnungen, bei Bedarf verwende ich zur Erklärung jeweils die entsprechende Stufennummer. Durch die Erhöhung der 7. Stufe (s. Kapitel "II-V-I-Verbindungen in Moll") ergeben sich auch veränderte Akkorde. 
Wenn du nun die Terzschichtungen bis zur Tredezime (13) vornimmst und somit alle Töne der Tonleiter in dem Akkord vorkommen, entstehen z.T. recht abenteuerliche Klänge und Akkordbezeichnungen. 

Ein Großteil davon spielt bei den bekannten Jazz-Standards üblicherweise keine wesentliche Rolle, aber einige der Akkorde kommen dir bestimmt bekannt vor. Nun kannst du beim Improvisieren über diese Akkorde statt der üblichen Durskala diese modifizierte Skala verwenden, was zu interessanten Klangvarianten führt. Betrachtest du beispielsweise die 6. Stufe von A-harmonisch-Moll, passt dazu der Akkord Fmaj7. Allerdings beinhaltet die Skala im Gegensatz zur üblichen F-Dur-Tonleiter eine #9 und eine #11, was zu einem gänzlich anderen Klangcharakter führt.
Oder die Skala auf der 7. Stufe von harmonisch-Moll eignet sich sehr gut zum Improvisieren über einen verminderten Akkord.


Ebenso verhält es sich bei den Modi der „melodischen Molltonleiter“. Hier ergeben sich z.B. auf der 4. Stufe die Skala mixolydisch #11 mit dem Akkord 7#11 und auf der 7. Stufe die alterierte Skala mit dem Akkord 7b9b13 oder 7#9b13. Diese Skalen haben einen typischen Klang welcher im Jazz häufig anzutreffen ist.

Wenn z.B. in einem Stück der Akkord Ab7b9b13 auftaucht, passt dazu die Skala Ab-alteriert. Nun weißt du, dass sich die alterierte Skala auf der 7. Stufe von melodisch Moll ergibt. Ab ist die 7. Stufe von A-melodisch Moll – also passen die Töne der Skala A-melodisch Moll zu dem Akkord Ab7b9b13.

Oder es erscheint der Akkord D7#11 – nimm wieder die Töne von A-melodisch Moll, denn die Skala die zu D7#11 passt, ergibt sich auf der 4. Stufe von A-melodisch Moll.



Ich merke mir die zu einem Akkord passenden Skalen so:
  • beim verminderten Akkord   -  harmonisch Moll ½ Ton höher (Ab dim  = A harm. Moll) 
  • beim 7#11-Akkord                –  melodisch Moll auf der Quinte (D7#11   =  A-mel. Moll)
  • beim 7b9b13-Akkord             -  melodisch Moll ½ Ton höher   (Ab alt.  =  A mel. Moll)

Suche dir einfach eine für dich günstige Eselsbrücke, um dir die Zuordnung der Skala zum entsprechenden Akkord zu merken

Für's Üben bedeutet das nun folgendes:
Genauso wie du für eine Akkordverbindung aus der diatonischen Reihe einer Durskala immer die Töne der Tonika verwenden kannst, kannst du für die Akkordtypen aus den obenstehenden Mollskalen einfach die Töne der entsprechenden Molltonleitern verwenden. Für eine skalenbasierte Improvisation ist es also wichtig, dass du das Tonmaterial folgender Tonleitern beherrschst: 
  • Durtonleiter = natürliche Molltonleiter
  • harmonische Molltonleiter
  • melodische Molltonleiter
  • pentatonische Durtonleiter = pentatonische Molltonleiter
  • Bluestonleiter

Auf die harmonische Molltonleiter kannst du im Zweifelsfall auch verzichten – sie unterscheidet sich ja lediglich in einem Ton von der melodischen Skala und in den meisten Fällen passt die melodische Skala ebenso.

So, das soll für heute mal wieder genügen. Übe diese fünf Skalentypen nach folgendem Muster:
  • schlage zuerst bei getretenem Pedal den entsprechenden Basston mit der linken Hand an
  • dann spiele ebenfalls mit der linken Hand das notierte Voicing. 
  • dazu spiele dann mit der rechten Hand die jeweilige Skala

und das in jeder Tonart und von jeder Tonleiterstufe aus aufwärts und abwärts, dann kann dir bei der skalenbasierten Improvisation fast nichts mehr passieren. 
Es gibt natürlich auch noch einige spezielle Skalen wie z.B. die Ganztonskala oder die HTGT-Skala (Halbton-Ganzton-Skala), die ebenfalls zu den genannten Akkorden interessant klingen – aber das sind mehr oder weniger nur Modifikationen der oben bereits genannten Skalen, auf die ich vielleicht in einem späteren Kapitel ganz gezielt bei einem konkreten Anwendungsfall eingehen werde. 


Viel Spaß beim Üben !



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