Sonntag, 6. Januar 2013

Improvisation

Praxisbeispiel

Hallo!  Schön, dass du wieder auf meinem Blog bist. Hat das mit den Skalen geklappt? Die brauchst du nämlich für die heutige praktische Übung. Aber keine Angst, selbst wenn du noch nicht alle Tonleitern kannst. Ich habe ein relativ einfaches Beispiel ausgesucht, an dem man das Prinzip sehr gut erläutern kann und schnell zu einem guten Improvisationsergebnis kommt.
Es handelt sich dabei um den Jazz-Standard „Lady Bird“, eine Komposition von Tadd Dameron. Das Leadsheet dazu kannst du dir unter der Rubrik „Downloads“ herunterladen. Die Aufnahmen zum Mitspielen findest du wieder wie gewohnt unter der Rubrik „Playalongs“.

So, schauen wir uns das Stück nun mal etwas genauer an. Es besteht aus einem 16-taktigen A-Teil und einem harmonisch bis auf die Schlusswendung gleichen B-Teil. Innerhalb des Verlaufes wechselt mehrmals das tonale Zentrum. Auf dem folgenden Bild habe ich einmal die verschiedenen tonalen Schwerpunkte markiert und anschließend versucht, die Harmoniefolge zu analysieren:



  • Das Stück steht in C-Dur und beginnt auch mit zwei Takten Cmaj7, der Tonika. Hierzu passt die ionische C-Dur Skala.
  • Danach folgen je ein Takt mit F-7 und Bb7. Erinnerst du dich an das Kapitel mit den II-V-I-Verbindungen? Die Takte 3 und 4 bilden eine solche Verbindung, und zwar mit dem Zielakkord Ebmaj7. Das tonale Zentrum in diesen beiden Takten ist also Eb-Dur. Der Ebmaj7-Akkord wird jedoch in Takt 5 nicht gespielt sondern wieder durch die Tonika Cmaj7 ersetzt. Aber das Tonmaterial dieser beiden Takte kommt aus Eb-Dur, d.h. du spielst die Töne der Eb-Dur Tonleiter. Darin ist F-7 (II-Stufe) als dorische und Bb7 (V-Stufe) als mixolydische Skala enthalten.
  • In Takt 5 und 6 passt wieder C ionisch.
  • Takt 7 bis 10 ist eine klassische II-V-I-Verbindung in Ab. Darin ist Bb-7 die II-Stufe, Eb7 die V-Stufe und Abmaj7 die Tonika. Das bedeutet, in diesen vier Takten ist das tonale Zentrum Ab-Dur und du kannst einfach die Ab-Dur Skala darüber spielen.
  • In Takt 11 erfolgt eine Halbtonrückung von Ab-Dur nach G-Dur. Allerdings wird G-Dur in Takt 12 nicht gespielt, sondern durch die II-V-Verbindung A-7  D7 vorbereitet. Das tonale Zentrum für die Improvisation ist G-Dur. 
  • In Takt 13 würde man dann G-Dur erwarten. Dieser Akkord wird aber durch die II-V-I-Verbindung nach C-Dur ersetzt und führt über D-7  G7in Takt 15 schließlich zur Tonika zurück. Das tonale Zentrum von Takt 13 bis Takt 15 ist C-Dur.
  • Takt 15 und 16 schließlich ist ein bei Jazz-Standards üblicher „Turnarround“ auf den Akkordstufen I-VI-II-V in C-Dur, wobei hier eine Variante gewählt wurde. Sowohl bei Stufe VI als auch die Stufe II werden statt der üblichen Mollsept-Akkorde die entsprechenden Durakkorde verwendet und zusätzlich noch durch ihren Tritonus ersetzt. Dadurch ergibt sich eine etwas unerwartete, interessante Klangvariante. Für die Improvisation beschränkt  man sich hier entweder auf Akkordtöne, überlegt sich im Vorfeld eine passende Linie oder macht einfach eine Pause.

Um nun eine solche Liedanalyse etwas übersichtlicher zu gestalten, habe ich mir die folgende Tabelle ausgedacht. Wenn du selbst eine solche Analyse machst, musst du ja nicht deine ganzen Überlegungen aufschreiben. Die Tabelle hilft dir, das Stück zu strukturieren. In der letzten Spalte hast du ganz schnell einen Überblick, welches Tonmaterial in welchen Takten benötigt wird.




So, das war jetzt doch wieder viel Theorie – nun kommt der praktische Teil. Hör dir das Stück einmal an. Es gibt Aufnahmen, bei denen das Stück deutlich schneller gespielt wird. Ich habe Tempo 170 aus drei Gründen gewählt:
  1. Als Beispiel für Erklärungen sollte es nicht zu schnell sein, damit man das Gehörte auch nachvollziehen kann
  2. Ich kann die Skalen nicht mehr viel schneller fehlerfrei spielen
  3. Noch langsamer wollte ich es auch nicht machen um mich nicht zu blamieren

Du musst bedenken, das Lied hat auch einen Text. Ich glaube nicht, dass der Komponist es ursprünglich in einem viel schnelleren Tempo vorgesehen hatte, da ein Sänger dann bei der Artikulation der einzelnen Wörter nicht mehr hinterher kommt.




Beim ersten Durchgang habe ich die Melodie auf dem Tenorsaxofon gespielt, um das Thema vorzugeben und um sich in die Charakteristik des Stückes einzuhören.
Ab dem zweiten Durchgang beginnt das Piano-Solo. Hier habe ich im ersten A-Teil mehr oder weniger einfach die Tonleitern gespielt, die in der Tabelle in der letzten Spalte stehen. Ab dem B-Teil versuche ich dann, es etwas mehr nach Swing klingen zu lassen, wobei das Solo wirklich nur als Beispiel und nicht als "Kunstwerk" gedacht ist. Im letzten Durchgang kommt wieder die Melodie, diesmal eine Oktave höher gespielt, mit dem Schluss.
Für das komplette Solo verwende ich ausschließlich die Töne der in der letzten Spalte der Tabelle angegebenen Dur-Akkorde – natürlich nicht immer nur vom Grundton aus gespielt.

Obwohl ich in dem Solo auch häufig die Skalen rauf oder runter spiele, fällt dir vielleicht ein Unterschied zu den Tonleitern im ersten A-Tel auf. Die Begleitung ändert sich definitiv nicht, und doch hört es sich etwa ab dem 4. Takt des ersten B-Teils anders an (zumindest sollte es das – ich hoffe, es ist mir einigermaßen gelungen und du kannst einen Unterschied wahrnehmen).

Warum ist das so?

Zu Beginn des Solos spiele ich die Achtelnoten genau auf die Zählzeiten, d.h. genauso, wie Achtelnoten notiert sind. Im B-Teil beginne ich, die Achtelnoten in dem für Swing typischen Rhythmus zu phrasieren. Der Unterschied liegt in der sog. binären und ternären Phrasierung. Die ternäre Phrasierung ist ein ganz wesentlicher Grund dafür, dass Swing nach Swing klingt. Beim nächsten Mal werde ich hierauf näher eingehen.

Bis dahin probiere einfach mal zu den Playalongs zu improvisieren. Benutze die angegebenen Tonleitern und wenn dir das Tempo für Achtelnoten noch etwas zu schnell ist, gehe einfach auf Viertelnoten zurück. Wichtig ist zuerst einmal, dass du die richtigen Töne auswählst und eine schöne Idee für eine Melodie entwickelst – nicht das Tempo.


Viel Spaß beim Üben !



Keine Kommentare: