Freitag, 22. Februar 2013

Voicings

Hallo lieber Blog-Leser.

Schön, dass du mal wieder vorbei schaust. Ich hoffe es geht dir gut und du bist mit dem Improvisieren vorangekommen. Natürlich ist es nicht so einfach, eine gute Improvisation hinzubekommen. Meine Tipps dazu sind auch nur die Grundbausteine bzw. verschiedene Möglichkeiten, wie man an das Thema Improvisation herangehen kann. Der Rest liegt bei dir. Selbst gute Jazzmusiker improvisieren nicht gerade mal so aus dem Handgelenk. Die haben das Stück vielleicht schon 1000 Mal gespielt und immer wieder verschiedene Möglichkeiten und Variationen ausprobiert, bis dann irgendwann mal ein super Solo dabei herauskommt. Also nicht verzagen, immer weiter dranbleiben.

Heute möchte ich an dem bereits begonnenen Thema Voicings weiterarbeiten. Du hast ja in den vorangegangenen Lektionen schon einiges über Voicings gehört und bist wahrscheinlich in der Lage, ein Stück entsprechend zu begleiten. Die richtige Begleitung, ob in einer Band oder als reine Pianobegleitung eines Solisten, ist meiner Meinung nach wichtiger als das Solospiel und nimmt im Allgemeinen auch den weitaus größeren Raum ein.

Die wichtigste Aufgabe als Begleiter ist, dass du dem Solisten (Sänger oder Instrumentalist) eine Plattform bietest, auf der er sich wohlfühlt und selbst brillieren kann. Wenn du das schaffst, wirst du in jeder Band als Pianist willkommen sein. Hierzu musst du immer den Satz „interessant aber nicht dominant“ beherzigen. Das bedeutet, du musst dein Spiel so gestalten, dass es abwechslungsreich und interessant kling, auf keinen Fall aber die Aufmerksamkeit von dem Solisten ablenkt – sei es durch besonders kompliziertes Spiel oder durch zu hohe Lautstärke. 
Um nun interessant zu klingen darfst du natürlich nicht immer die gleichen Voicings verwenden. Um dir die Suche nach den passenden Voicings etwas zu erleichtern, habe ich im ersten Schritt für die Akkordtypen 
  • Mollsept 
  • Dominantsept 
  • Majorsept  

auf den nebenstehenden Seiten gut klingende Voicings zusammengestellt. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber es sind allesamt „amtliche Jazzvoicings". Als Beispiel habe ich die Akkorde D-7, G7 und Cmaj7 gewählt. Ich beginne immer mit den sog. „One-hand-Voicings“. Diese können je nach Bedarf sowohl mit der linken Hand oder mit der rechten Hand und dem Basston links gespielt werden. Danach folgen dann vierstimmige, fünfstimmige und sechsstimmige „Two-hand Voicings“.  Die Voicings für die noch fehlenden Akkordtypen werde ich im Laufe der nächsten Zeit nach dem gleichen System ergänzen. Die Seiten stehen auch unter der Rubrik "Downloads" zum herunterladen bereit.

Mit diesen Voicings bist du nun in der Lage, dir eine II-V-I-Verbindung nach C-Dur in verschiedenen Klangvariationen zusammenzustellen. Durch die unterschiedliche Lage auf der Tastatur und die unterschiedlichen Griffbilder bekommst du je nach Wunsch einen dunklen oder hellen,  einen dichten oder offenen Klang.  Probiere einfach mal verschieden Voicings durch und entscheide, welche dir am besten gefallen. Es macht auch durchaus Sinn, die einzelnen Voicings zu bezeichnen. Dann gestaltet sich die Zusammenstellung von neuen Voicing-Verbindungen leichter und übersichtlicher. Ich bezeichne die Voicings nach folgendem Prinzip:
Zuerst eine sinnvolle Abkürzung des Akkordtyps, dann der Voicingtyp anhand der Unterteilung auf dem Blatt und dann die Nummer des Voicings innerhalb des Voicingtyps.

Beispiele:  

m7-3.5 =
Mollsept-Voicing
Typ 3 (fünfstimmige TH-Voicings)
Voicing Nr. 5




dom7-2.4 =
Dominantsept-Voicing
Typ 2 (vierstimmige TH-Voicings)
Voicing Nr. 4




Maj-4.2 =   
Majorsept-Voicing
Typ 4 (sechsstimmige TH-Voicings) 
Voicing Nr.2


Ich habe in den Blättern bewusst keine Bezeichnungen vorgegeben, damit du dir eine eigene Systematik überlegen kannst, die für dich am einfachsten nachvollziehbar ist.

Wenn du die Voicings in eine andere Tonart transponierst wirst du merken, dass nicht jedes Voicing in jeder Tonart gleich gut klingt. In tiefen Lagen wird es dann vielleicht zu „mulmig“ und in hohen Lagen zu „dünn“. Darum ist es sinnvoll, alle Voicings zu kennen um bei Bedarf das Richtige wählen zu können. 
Nach meiner Erfahrung ist es jedoch nicht zielführend, jetzt alle Voicings in allen Tonarten stumpf auswendig zu lernen. Vielleicht ist das für manchen die richtige Methode, aber ich würde dir einen anderen Weg empfehlen:
  • lerne die Voicings an einem konkreten Stück oder an einer Akkordverbindung
  • suche dir dafür einen Voicingtyp aus (One-hand, Two-hand, 2-3-4-5-6-stimmig)
  • bleibe durch das ganze Stück bei dem gleichen Voicingtyp
  • lege die Voicings so, dass du möglichst wenige Fingerbewegungen machen musst (nicht springen)
  • übe mit Metronom, anfangs im langsamen Tempo
Diese Methode Voicings zu lernen, macht deutlich mehr Spaß weil sie direkt mit einer Anwendung verbunden sind und sie prägen sich dadurch auch besser ein.

So, nun noch zu dem wichtigen Punkt, wie du das in praktische Übungen umsetzen kannst und wie deine Übungen möglichst effektiv werden. Hierzu habe ich mir drei Grundübungen überlegt. Als Pianist musst du immer mehrere Spieltechniken beherrschen, je nachdem ob du
  • in einer Band spielst
  • als Duopartner einen Solist begleitest
  • Solopiano spielst
Die folgenden Übungen decken genau diese drei Bereiche ab.

Übung 1:  als reine Left-hand-Übung. Die linke Hand spielt Grundton und Quinte, dann die Terz und die Septime des Akkords. Rechten Hand it frei für Melodie oder ein Solo.

Übung 2:  die linke Hand spielt einen „walking bass“, die rechte Hand spielt rhythmisierte Voicings, wobei sowohl die Rhythmisierung als auch die Voicings variiert werden können.

Übung 3: Variante von Übung  2 - Erweiterung von zwei- auf dreistimmige Voicings.

Übung 4: Two-hand-Voicings als Vorbereitung zum Solopiano-Spiel. In der rechten Hand kann z.B. ein Melodieton ergänzt werden. Beim Spiel in einer Combo entfallen Grundton und Quinte. 

Übung 5: Variante von Übung 4 - Erweiterung von vier- auf fünfstimmige Voicings

Da ich erst drei Akkordtypen vorgestellt habe, kann ich dir leider noch keinen kompletten Song anbieten. Darum ist die erste Übung für eine im Jazz klassische Akkordverbindung II-V-I-VI, ein sog. „Turnarround“. Die VI-Stufe wurde hierbei nicht diatonisch als Mollsept-Akkord, sondern ebenfalls als Dominantsept-Akkord gewählt. Du musst einfach das entsprechende Voicing von G7 um einen Ganzton nach oben zu A7 transponieren. Nachfolgend als Beispiel alle fünf Übungen zum Anhören.



Zum Abschluss noch ein paar Tipps:
  • übe möglichst mit Metronom. Wähle dabei das Tempo nicht zu hoch. Wichtig ist, dass du die Töne sicher spielen kannst.
  • du musst nicht die von mir in den Übungen gewählten Voicings verwenden. Wähle dir für die Akkordprogression Voicings aus, die dir gefallen und wiederhole diese, bis sie sicher sitzen. 
  • suche dir erst dann neue Voicings, wenn du die vorhergehenden sicher drauf hast. Das kann bei täglichem Üben bis zu 4 Wochen dauern; erst dann hast du die Griffe so verinnerlicht, dass du sie in der Praxis sicher anwenden kannst.
  • Übe die gewählten Voicings in verschiedenen Tonarten. 
So, das war’s mal wieder für heute. Das ist eine Menge Stoff, aber das braucht dich nicht zu entmutigen. Lerne eine Akkordprogression mit einem bestimmten Voicingtyp sicher zu spielen. Zuerst vielleicht nur mal in einer oder zwei Tonarten. Wenn dann in einem Stück die Akkordverbindung kommt, kannst du es wie selbstverständlich richtig gut klingen lassen. Das bringt dir mehr, als alles kreuz und quer zu üben und im Ernstfall nichts sicher parat zu haben. Genauso machen es die richtig guten Jazzer auch. Die haben halt einfach mehr Zeit zum Üben als ein Amateur, darum geht es bei denen schneller. Wenn du erst mal eine Tonart sicher in den Fingern hast, wirst du merken, dass die nächsten Tonarten deutlich schneller gehen. Probier‘ es aus und du wirst staunen, wie weit du in einem Jahr gekommen bist.

Viel Spaß beim Üben !



Mittwoch, 6. Februar 2013

Improvisation

Skalenbasierte Improvisation


Hallo, ich hoffe es geht dir gut und du hast den Spaß am Üben noch nicht verloren. 

Heute möchte ich dir mal wieder ein Playalong anbieten, damit du die trockenen Skalenübungen vom letzten Mal praktisch anwenden kannst. Aber zuerst noch ein wenig Theorie bzw. ein paar Überlegungen, die dir helfen sollen, die richtigen Scales zu den Akkorden zu finden. Du hast ja nun schon eine ganze Menge Akkorde und Tonleitern drauf; in der folgenden Tabelle findest du eine Zuordnung, welche Tonleiter zu welchem Akkordtyp passt. Die Tabelle ist natürlich nicht vollständig – sie berücksichtigt alle die Chords und Scales, die ich bisher in meinem Blog behandelt habe.
        
        Akkord-Skalen-Tabelle    

Die Tabelle ist gegliedert nach Akkordfunktionen. Sie enthält sowohl die Skalen der Dur-Tonleiter als auch die Skalen der harmonischen und melodischen Molltonleiter. Üblicherweise wird über einen Mollsept-Akkord die natürliche (äolische) oder die dorische Molltonleiter verwendet. Die 1. Stufe der harmonischen oder melodischen Tonleiter kommt nur in bestimmten Fällen zu Anwendung. Im Bereich der Dominantsept-Akkorde sind drei Skalen besonders zu erwähnen, weil sie häufig im Jazz anzutreffen sind. Das ist die sog. HM 5 - Skala, die sich auf der 5. Stufe von harmonisch Moll ergibt. Weiterhin zwei Skalen aus der melodischen Molltonleiter - die 4. Stufe (mixolydisch #11) sowie die 7. Stufe (alteriert).

Auf Basis dieser Tabelle habe ich bei dem folgenden Übungsstück den Akkorden entsprechende Skalen zugeordnet. Das Stück ist wieder ein bekannter Jazz-Standard mit dem Titel „Beautiful Love“.
Die Files zum Mitspielen findest du wie immer unter „Playalongs“ und das Leadsheet unter „Downloads“. Wie bei dem Stück „Lady Bird“ habe ich auch hier wieder eine harmonische Analyse gemacht, dieses Mal mit den erweiterten Voicings und den entsprechenden Scales. Schau dir die Analyse genau an und entscheide dann, ob du die gleichen Skalen gewählt hättest. Meine Vorgabe muss nicht immer richtig sein. Vielleicht würdest du an bestimmten Stellen lieber einen anderen Sound wählen. Erlaubt ist, was gefällt.


      Songanalyse

























Als Vorübung habe ich einmal Achtellinien passend zu den Chords notiert. Dabei habe ich darauf geachtet, möglichst immer mit dem Grundton der jeweiligen Scale zu beginnen. So eintönig würde natürlich keine tatsächliche Improvisation aussehen, aber diese Skalen sollen dir einfach Sicherheit bei der Auswahl des möglichen Tonmaterials geben. Beginne die Übung ganz langsam und suche dir einen passenden Fingersatz aus. Nachdem du die Chords und Scales im Ohr und in den Fingern hast, spiele deine eigene Improvisation zu dem Playalong. 

Um dich in das Stück einzuhören habe ich nachfolgend einmal ein Beispielsolo aufgenommen. Nach einem kurzen Intro spiele ich das Thema mit dem Tenor-Saxofon, dann kommen zwei Chorusse auf dem Klavier und dann wieder das Thema mit dem Schluss. Offen gestanden bin ich kein großer Fan der skalenbasierten Improvisation. Wenn man dabei nicht wirklich gute, rhythmische Ideen und schöne Linien parat hat, kann es sehr leicht in ein „Gedudel“ ausarten. Aber das liegt natürlich daran, dass ich es einfach (noch) nicht besser kann. Ich kenne sehr viele Musiker, die hauptsächlich skalenbasiert improvisieren und bei denen es einfach klasse klingt. Wie auch immer, probier‘ es einfach aus und entscheide dich, ob du lieber melodieorientiert oder skalenorientiert spielen möchtest. Sinnvollerweise kannst du auch beide Möglichkeiten kombinieren und natürlich auch auf andere Skalen wie z.B. Pentatonik oder Bluesskala zurückgreifen. Nutze einfach alle musikalischen Möglichkeiten die du hast, dann wird sich ein abwechslungsreiches und schönes Solo ergeben. Hier aber nun zuerst einmal die skalenbasierte Variante als Demo:




So, mit diesem eben gehörten Beispiel möchte ich den Improvisationsteil meines Blogs vorerst abschließen, da ich an der Grenze meines Könnens und Wissens zu diesem Thema angekommen bin. 
In meinem nächsten Blog-Beitrag wird es sich wieder um das Theme "Voicings" drehen. Vielleicht ist dir beim Anhören der Demoaufnahme aufgefallen, dass ich im letzten Durchgang schon veränderte Voicings gespielt habe. Aber dazu beim nächsten Mal mehr - nun wird zuerst einmal improvisiert.


Viel Spaß beim Improvisieren !